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Experteninterview Energiesparen – aber richtig!





Interview mit Dipl.-Ing. Klaus Kellhammer,
VPB-Vorstandsmitglied und Leiter des VPB-Büros Tübingen



Energiesparen – aber richtig!


Frage:
Herr Kellhammer, wie steht es mit der energetischen Qualität bei Neubauten? Wie werden die gesetzlichen Vorgaben der Energieeinsparverordnung 2014 (EnEV) auf den Baustellen technisch umgesetzt? Sind moderne Wohnhäuser in Deutschland tatsächlich Energiesparer oder sind sie Energieschleudern?

Antwort:
Viele Neubauten entsprechen nach wie vor nicht den Anforderungen der Energieeinsparverordnung. So stimmen beispielsweise die Berechnungen zur Energieeinsparung nicht immer oder sie werden auf der Baustelle technisch nicht korrekt umgesetzt.


Frage:
Nennen Sie uns dafür ein Beispiel?

Antwort:
Auf der Baustelle werden zum Beispiel häufig schlechtere Dämmstoffe verwendet, als den Berechnungen zugrunde lagen. Das führt natürlich in der Realität auch zu schlechteren Dämmwerten. Außerdem wird auf Blower-Door-Tests verzichtet, obwohl sie dringend nötig wären, um etwaige Energielecks aufzuspüren. Resultat: Das Haus vergeudet unnötig Energie.


Frage:
Der VPB bemängelt, fast jeder zweite Bauherr nutze sein Haus wegen fehlender Informationen energetisch kontraproduktiv! Was ist damit gemeint?

Antwort:
Viele Bauherren, vor allem Käufer schlüsselfertiger Bauten, werden nicht über die energetischen Besonderheiten ihrer Immobilie unterrichtet. Ihre Häuser sind bereits fix und fertig geplant, wenn sie den Vertrag unterzeichnen. Eine nachträgliche Anpassung der Planung an ihre Heizgewohnheiten und Nutzungswünschen ist nicht üblich – und wird, so stellen wir beim VPB fest, von den Käufern bislang auch nicht nachgefragt. Dabei ist es ganz entscheidend für die Berechnungen, wie eine Immobilie genutzt werden soll.


Frage:
Können Sie uns das näher erläutern?

Antwort:
Ja, ist beispielsweise der Keller als Wohn- und Arbeitsbereich vorgesehen, dann muss er auch gedämmt und konsequent beheizt werden. Dient er dagegen nur als Abstellraum, muss er gegenüber den beheizten Wohnbereichen thermisch abgeschottet werden. Energieeinsparung, wie wir sie heute betreiben, ist echtes „Feintuning“. Damit das alles optimal funktioniert, müssen die zukünftigen Bewohner wissen, wo ihre Dämmungen verlaufen, welche Räume sie heizen, welche Türen sie geschlossen halten müssen – und vor allem auch, wie sie richtig lüften müssen. Ein modernes Haus braucht eine regelrechte Gebrauchsanweisung.


Frage:
Und wie ist es bei der Sanierung eines gebrauchten Hauses?

Antwort:
Da lauern ähnliche Probleme. Weil bei diesen Baumaßnahmen aber in der Regel individuell geplant wird, lassen sie sich von erfahrenen Planern leichter umschiffen. Wir raten deshalb hier auch dringend von standardisierten Lösungen ab. Der kluge Sanierer beginnt nicht mit der Auswahl eines Heiz- oder Dämmsystems, sondern mit der bauphysikalischen Untersuchung seiner Immobilie: Wie sieht sie aus? Was ist an Technik drin? Was kann weiter verwendet werden? Was muss raus? Das können natürlich nur Fachleute klären. Idealerweise beauftragt der Hausbesitzer damit einen unabhängigen Sachverständigen, der untersucht die Immobilie und macht anschließend Sanierungsvorschläge – und zwar firmen-und produktneutral, bauphysikalisch auf das Haus abgestimmt – und auf die Bedürfnisse und finanziellen Möglichkeiten der Bewohner.


Frage:
Energetische Sanierung rechnet sich aber in jedem Fall, oder muss fossilie Energie erst noch teurer werden?

Antwort:
Energetische Sanierung amortisiert sich viel langsamer, als immer wieder vorgerechnet wird. Das liegt vor allem daran, dass immer wieder Wirtschaftlichkeitsberechnungen publiziert werden, bei denen ausschließlich Häuser mit jahrzehntelangem Instandhaltungsrückstau zugrunde gelegt werden. Diese Berechnungen gehen davon aus, dass das Haus grundlegend saniert werden muss und dabei die Kosten für Gerüst, Putz und Malerarbeiten ohnehin anfallen. Der relative Mehraufwand für die eigentliche Dämmung fällt dann rechnerisch nur gering aus. Mit dieser geschönten Summe werden die Bauherren gelockt. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus.


Frage:
Wie denn?

Antwort:
Unserer Erfahrung nach bewohnen deutsche Hausbesitzer keine Ruinen, in denen der Putz von der Fassade blättert. Im Gegenteil: Die meisten Hausbesitzer pflegen ihr Heim. Sie brauchen keine Totalsanierung der Fassaden. Wenn sie energetisch sanieren, dann bezahlen sie also nicht nur eine Lage Dämmung, die sich amortisieren muss, sondern sie müssen auch alle dazu gehörigen Nebenkosten einkalkulieren. Das sind neben der eigentlichen Wärmedämmschicht zusätzlich noch die Kosten für das Gerüst, für Putz, Malerarbeiten, für die Anschlüsse, die neuen Fensterbänke, eventuell neue Rollladenkästen, das neuerliche Montieren von Außenlampen, das Anschließen von Geländern an Eingängen und Balkonen und etliche Details mehr. Weil aber alle diese Aspekte in den Modellrechnungen nicht berücksichtigt werden, geht der sanierungswillige Hausbesitzer von völlig falschen Voraussetzungen aus und erschreckt zu Recht über die tatsächlichen Kosten.


Frage:
Und wie hoch liegen die Kosten tatsächlich?

Antwort:
Das hängt von der Immobilie ab, aber wir setzen beispielsweise bei einem Einfamilienhaus mit circa 140 Quadratmetern Wohnfläche, und ohne komplizierte Vor- und Rücksprünge an den Fassaden, zwischen 100.000 und 130.000 Euro an.


Frage:
Viel Potenzial steckt bei der energetischen Sanierung ja in der Heizungsanlage. Ist es wirtschaftlich eigentlich sinnvoll, ein altes Heizsystem auf Gas- oder Öl­Basis mit einem regenerativen Heizsystem wie Solarthermie zu ergänzen? Oder sollte man nicht lieber gleich eine Alternative zu Gas und Öl in Erwägung ziehen?

Antwort:
Wärmepumpen, gleichgültig ob sie ihre Energie aus der Außenluft oder dem Grundwasser gewinnen, scheiden bei Altbauten meistens aus. Der Grund ist die erforderliche Größe der Heizfläche, die nur mittels Wandheizungen oder Fußbodenheizungen erreicht werden. Pelletheizungen sind gut geeignet. Sie erfordern jedoch genügend Platz für Brenner, Speicher und Pelletlager. Allerdings ist mit deutlich höheren Investitionskosten als bei Gas oder Öl zu rechnen. Letztendlich ist somit die Erneuerung der bestehenden Heizung durch eine Anlage auf Öl- oder Gas-Basis, am besten mit solarer Unterstützung, meist die günstigste Lösung.


Frage:
Die Kollektoren verursachen den größten Anteil der Anschaffungskosten. Die Frage, ob Röhren- und Flachkollektor besser sind, verunsichert sanierungswillige Bauherren. Was spricht für welches System, was empfehlen Sie wann?

Antwort:
Im Großen und Ganzen haben sich die Flachkollektoren durchgesetzt, da sie in der Summe ihrer Eigenschaften das bessere Ergebnis liefern. Dazu kommt, dass sich die Flachkollektoren bei Ziegel- oder Betondachsteinen sehr gut in die Dachfläche integrieren lassen.


Frage:
Wann und für wen lohnt sich Solarthermie?

Antwort:
Der Aufwand für die Solarthermie ist überschaubar. Zumindest für die Erwärmung des Brauchwassers rechnet sich die Investition im Schnitt spätestens nach 15 bis 20 Jahren. Immer sollte jedoch zuvor ein Gesamtkonzept für die notwendigen Wärmedämmmaßnahmen erstellt werden.


Frage:
Wie viel Zeit muss der Bauherr für die Sanierung einkalkulieren – von der Planung über die Ausschreibung bis zum Bau?

Antwort:
Das kann man nicht pauschal beantworten. Zuerst muss in jedem Fall ein Gesamtkonzept erstellt werden, mit Hilfe eines erfahrenen Energieberaters oder Architekten. Im Rahmen dieses Konzepts wird dann auch geklärt, ob KfW-Zuschüsse in Anspruch genommen werden können. In dieser Planungsphase sollte man sich aber nicht unter Druck setzen lassen. Ich rate dazu, sich hier etwa ein halbes Jahr Zeit zu nehmen. Auch die Bauzeit differiert stark, je nach Art der baulichen Maßnahmen.



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Ergänzende Informationen finden Sie u.U. hier:
Blower-Door-Test - Energieberatung - Bauvertrag - Bauberater - Bausachverständiger - Verbraucherverband - Baufachleute - Thermografie

 

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